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Das Fußballjahr 2020 im Rückspiegel

By 20. Februar 2021No Comments

von Udo Pütsch

An diesem Samstag steht zur Eröffnung der Rückrunde der Brandenburgliga mit der Begegnung
SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen – SV Frankonia Wernsdorf
ein Fußballleckerbissen der Region auf dem Programm.
Eine Begegnung, die es allerdings nie geben wird, denn seit fast genau einem Jahr ist auch die Fußballwelt aus den Fugen.
Vielleicht ist der nicht stattfindende Rückrundenstart ein Anlass, auf ein höchst einzigartiges Fußballkalenderjahr zurückzublicken.
Es entwickelt eine Geschichte unter völlig neuen Gesichtspunkten, neuen Situationen und mit bemerkenswerten Rekorden.

Zum Start in die Rückrunde fanden sich unsere Kicker nach einem spektakulären 4:4 in Neuruppin zum Abschluss der Hinrunde auf Rang 13 der Tabelle wieder (13 Punkte). Hinter uns lagen noch der FC Eisenhüttenstadt (10), FSV Bernau (9) und Falkensee-Finkenkrug (7).
Das Jahr 2020 startete für unsere Eintracht dann allerdings äußerst unangenehm.
Die Rückrunde begann am 22.02. (also exakt vor einem Jahr) mit einem 2:6 bei der SV Altlüdersdorf. Eintracht stand im gewohnten Abstiegskampf zwar noch über dem Strich, doch bereits am Ende der Hinrunde ließ die Anzahl der Gegentreffer die Sorgenfalten bei Trainer Alex Schröder immer größer werden. Nicht immer kann das wie im letzten Spiel 2019 mit einem 4:4 in Neuruppin kompensiert werden, obwohl Niklas Goslinowski mit 13 Treffern auf Rang 8 der Torjägerliste stand und auch Jonas Greib als Außenverteidiger große Durchschlagskraft bewies und bereits 8 mal ein Tor mit seinen Mannschaftskameraden bejubeln konnte. Bei Saisonhalbzeit hatten wir schon 50 Gegentore hinnehmen müssen – mehr als jedes andere Team. Jetzt kamen nochmals sechs hinzu und so recht erklären konnte das niemand. Besonders anfällig zeigte sich die Eintracht nach dem Pausentee, wo es zwischen der 46. und 60. Minute regelmäßig ein bis zwei Gegentreffer gab. In Altlüdersdorf hieß es noch 1:1 zur Halbzeit, in der 58. Minute lagen wir sogar 1:4 zurück.

Zum 1. Heimspiel kam am darauf folgenden Wochenende das Schlusslicht aus Falkensee nach Zeuthen. Also eine dringend benötigte und willkommene Gelegenheit, Punkte im Abstiegskampf zu sammeln. Witterungsbedingt musste die Partie jedoch auf der bei Aktiven und Fans wenig beliebten Kunstrasenanlage in der Schulstraße ausgetragen werden.
Das Spiel selbst lieferte für alle, die es mit den Rot-Weiß-Schwarzen halten, die komplette Ernüchterung. Das Schlusslicht aus der westlichen Vorstadt Berlins gewann deutlich und verdient mit 4:1. Das Schlimmste daran aber war, dass man als Betrachter zu keiner Phase des Spiels den Eindruck hatte, dass Eintracht die Partie hätte für sich entscheiden können. Das Spiel unserer Jungs war ohne Biss und Ideen, der Abwehr war die Verunsicherung anzumerken und die Offensive war oft auf sich allein gestellt. Der Tabellenletzte war schlichtweg in allen Belangen überlegen und die Köpfe der Eintracht-Akteure waren schon frühzeitig unten. Selbst den größten Optimisten auf und neben dem Rasen war nach dem 1:3 in der 56. Minute klar, dass hier und heute gegen die „Rote Laterne“ nichts zu holen war.

Mit dieser Erkenntnis ging es nun nach Petershagen.
Wer glaubte, der Tiefpunkt wäre gegen Falkensee erreicht, sah sich leider getäuscht. Beim Tabellenneunten gab es eine historische 0:9 Abreibung, die jeder Eintracht-Fan (und dazu zähle ich mich seit vier Jahrzehnten) aus Gründen des Selbstschutzes nicht kommentieren möchte.
Was für eine Bilanz nach der Winterpause!
3 Spiele, 0 Punkte, 3:19 Tore !!!
Inzwischen war Eintracht bei immer noch 13 Punkten auf Rang 14 abgerutscht, hinter uns lagen noch Hütte (11 Punkte) und Falkensee (10, aber ein Spiel weniger). Jedoch wir hatten den mit Abstand schlechtesten Lauf und trieben ziemlich hilflos auf die 100-er Marke an Gegentreffern zu. In jenen Tagen sprachen mich mitunter entsetze Fans auf der Straße oder im Supermarkt an und suchten nach Erklärungen. Niemand schien ein wirksames Gegenmittel zu haben, um dieses Unheil einzudämmen und dem ganzen ein Ende zu bereiten.

Was nun?

Diese Frage musste überraschenderweise gar nicht mehr beantwortet werden. Das Corona-Virus, das zuerst in Asien entdeckt worden war, breitete sich mit rasanter Geschwindigkeit über den Globus aus und brachte das öffentliche Leben in allen Bereichen zum Erliegen. Es folgten Wochen gefüllt mit Unsicherheit, Ratlosigkeit und endlosem Warten – auf Nichts. Die Fußballgemeinde war plötzlich nicht mehr vorhanden. Für wie lange ? Auch das konnte niemand sagen.
Irgendwann war klar, dass eine normale Saison nicht mehr möglich war und schließlich wurde sie im Amateurbereich komplett abgebrochen. Die Regelung enthielt auch den Beschluss, dass es keine Absteiger geben wird. So makaber es klingen mag, aber die Pandemie hatte mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für Eintrachts Klassenverbleib gesorgt.
Dennoch wusste zu diesem Zeitpunkt auch niemand, ob und wann die Saison 2020/21 beginnen würde. Das sorgte natürlich auch für Unsicherheit bei den Akteuren. Bei Torjäger Niklas Goslinowski stand seit geraumer Zeit fest, dass er zum Spitzenreiter und Aufsteiger RSV Eintracht nach Stahnsdorf wechselt, Paul Pahlow (beide ursprünglich aus dem Miersdorfer Nachwuchs) kehrte zum Oberligisten VfB Krieschow zurück und Urgestein “Schmitte” wollte sich ein Jahr Auszeit nehmen. Drei wichtige Säulen standen also nicht mehr zur Verfügung.
Was aber passierte bei der Eintracht im Vorfeld der neuen Saison? Mit Lukas Müller kam ein “prominenter” Neuzugang mit Regionalligaerfahrung und Eintracht-Vergangenheit von der VSG Altglienicke an den Wüstemarker Weg. Ebenfalls neu war Jannis Lind, ein hoffnungsvoller Akteur vom MSV Zossen. Weiterhin standen mit Thede Rosenboldt, Florian Hammer, Arne Brüggenkamp und Leon Kruppe vier hoffnungsvolle Akteure aus der eigenen, in der letzten Saison sehr stark spielenden, A-Jugend zur Verfügung. Hinzu kamen mit Kevin Langhoff, Etoo Kofi, Max Markert und Djamal Magomaev Akteure, die schon den einen oder anderen Einsatz in der „Ersten“ hatten. Auch Marc Bernhardt war als Langzeitverletzter zurück. Konnte daraus eine Mannschaft geformt werden, die den Anforderungen der Brandenburgliga standhielt? Wie konnte die Abwehr stabil gemacht werden – und wer sprang für Goslinowski als Torjäger in die Bresche? Fragen über Fragen …….
In der Sommerpause hatte Coach Alexander Schröder dann noch die Idee, den langjährigen Kapitän und Abwehrchef Matthias Klatt anzusprechen, ob er Interesse hätte, im Trainerstab mitzuarbeiten. Hatte er. „Klatti“ war abstiegskampferprobt. Er hatte drei Jahre zuvor seine Laufbahn am Wüstemarker Weg beendet, um dann noch zwei Serien bei seinem Heimatverein SG Niederlehme zu kicken. Er wusste wie ein Abwehrspieler sein musste: kampf-, kopfball- und willensstark, ausgestattet mit physischen und mentalen Qualitäten sowie technischen Fähigkeiten am Ball und Auge und Ideen für die Spieleröffnung. Und: Er besaß Häuptlingseigenschaften. Er bestach nicht durch Reden, er konnte es den anderen, besonders jüngeren Spielern auch vormachen.

Nach ewigen Wochen des Wartens wurde der Start zur neuen Saison schließlich auf den 22.08.2020 terminiert. Gegner dieser Begegnung sollte ausgerechnet Aufsteiger und Ortsnachbar SV Frankonia Wernsdorf sein, der vom ehemaligen Miersdorfer Norbert “Kutte” Welzel trainiert wurde. Ein Los, dass auf beiden Seiten mit einem etwas gequälten Lächeln registriert wurde, denn diese brisante Begegnung hätte man gern etwas später gehabt und nicht zur ersten Standortbestimmung nach dieser langen Pause.
Zunächst stand aber die Vorbereitung auf dem Programm. Unter diesen Umständen ein anspruchsvolles Unterfangen für die Männer um Alex Schröder. Physische Grundlagen mussten gelegt, die alte Saison aus den Köpfen gestrichen und Abläufe automatisiert werden, taktische Abläufe verinnerlicht und Reaktionen auf unerwartete Spielsituationen kreiert werden. Am allerwichtigsten: Es musste eine Mannschaft geformt werden, die den Anforderungen physisch und psychisch standhielt. Es gab nicht wenige Zweifler.
Die ersten Testspiele standen an und trotz urlaubs- arbeits- oder verletzungsbedingter Veränderungen im Team konnten sich die Resultate sehen lassen. Besonders bemerkenswert war dabei ein Erfolg beim Oberligisten Ludwigsfelde, bei dem die Eintracht sowohl kämpferisch als auch spielerisch überzeugte und einen gut besetzten Gegner 3:2 bezwingen konnte. Das machte Hoffnung und es kristallisierten sich erste Erkenntnisse heraus. Die Youngster, besonders Rosenboldt, Brüggenkamp und Hammer fanden erstaunlich schnell ins Team, sorgten mit für defensive Stabilität und sagten den etablierten Akteuren an, dass sie auch da sind und – nicht nur für die Bank. Außerdem schien Timo Westphal die offensivere Rolle zu behagen. Er erzielte den einen oder anderen wunderbaren Treffer oder legte sie dem Neuzugang Jannis Lind auf, der sich ebenfalls schnell und problemlos integrierte. Am Ende der Vorbereitung war dennoch nicht wirklich klar, wo die Mannschaft eigentlich steht. Kann die junge Garde tatsächlich helfen, die Defensivprobleme der letzten Saison in den Griff zu bekommen? Zu allem Überfluss fielen kurz vor dem Saisonauftakt Westphal und Lind verletzungsbedingt aus. Bei beiden sah es nach ernsthafteren Schäden aus und es musste mit längeren Zwangspausen gerechnet werden. Dies wiederum ergab neue Offensivprobleme. So ging es nun zum 1. Spieltag zum Nachbarn nach Wernsdorf.
Im Vorfeld der Begegnung zeigten beide Seiten gehörig Respekt voreinander. Auf der einen Seite hatte Frankonia innerhalb der letzten Spielzeiten eine beeindruckende Entwicklung genommen, auf der anderen Seite war Eintracht über Jahre so etwas wie der „große Bruder“. Vor allem aber wollte keiner von beiden mit einer Niederlage in diesem prestigeträchtigen Duell in die Saison starten. 268 Zuschauer wollten die Auftaktpartie der Brandenburgliga sehen, die eine Stunde früher als die anderen Spiele angepfiffen wurde. Frankonia hatte den besseren Start und war besonders durch Neuzugang Tyron über die rechte Seite gefährlich. Eintracht überstand die druckvolle Anfangsphase jedoch und konnte sich stabilisieren. So neutralisierten sich beide Teams weitestgehend. Es gab zwar auch Gelegenheiten auf beiden Seiten, Hochkaräter blieben jedoch Mangelware. So war es ein ansehnliches Spiel, das zunehmend nach Unentschieden aussah. In der 77. Minute dann doch Jubel bei Frankonia, Entsetzen bei Eintracht. Der Sekunden zuvor eingewechselte Phil Kusche traf zur Führung der Gastgeber. Die Offensivbemühungen der Miersdorfer sahen im Verlaufe des Spiels nicht so aus als würde man in den verbleibenden 13 Minuten ein Tor auf Bestellung erzielen. Dennoch gab Eintracht nicht auf und wurde belohnt. Nur sechs Minuten später gab es ein Dauergewühl im Wernsdorfer Strafraum – und irgendwann und irgendwie war das Leder hinter der Linie. Bis heute weiß wohl niemand, wer der Torschütze war. In der Statistik wurde Marc Bernhardt angegeben, doch dieser versicherte mir beim anschließenden Bierchen, dass er es auf keinen Fall war. Egal – Saisonauftakt mit etwas Glück gerettet.
Die nächste Partie war ebenfalls nicht ohne Brisanz. Es kam der SV Falkensee-Finkenkrug, der einen glatten Fehlstart mit einem 0:7 gegen Lübben hingelegt hatte. War es schon ein Derby im Hinblick auf einen potentiellen Rivalen im Abstiegskampf? Auf jeden Fall wäre es gut, wenn die Punkte am Wüstemarker Weg bleiben würden. Es wurde das erwartet umkämpfte Spiel. Dieses Mal erwischte Eintracht den besseren Beginn, jedoch fehlte es zunächst an resultierender Torgefahr. Die Mannschaft spielte diszipliniert, geduldig, kein Ball wurde verloren gegeben, die junge Abwehr ohne die fehlenden Routiniers Kresovic und Bagola stand. Veit, Brüggenkamp, Hammer und Greib hielten den Laden hinten dicht. Nach einer guten halben Stunde gab es einen Freistoß aus ca. 20 Metern aus halbrechter Position. Lukas Müller legte sich das Leder zurecht. Perfektes Auge, perfekter Schuss – 1:0. Mit dieser knappen, aber nicht unverdienten Führung ging es in die Kabinen. Nach dem Pausenpfiff wurden böse Erinnerungen wach. Mit einem Doppelschlag (63. und 64.) hatten die Gäste plötzlich das Spiel gedreht. Der Tabellenletzte führte. Aber anders als noch im Februar gingen die Köpfe nicht nach unten. Nach knapp 80 Minuten gab es einen Freistoß aus ca. 20 Metern aus halbrechter Position. Lukas Müller legte sich das Leder zurecht. Perfektes Auge, perfekter Schuss – 2:2. Nein, es war kein Deja-vu, keine Wiederholung. Es waren 2 Treffer die sich ähnelten wie ein Ei dem anderen. Zumindest ein Punkt schien gerettet. Aber nochmals nein, Eintracht spielte weiter mutig nach vorn. Dann war die reguläre Spielzeit abgelaufen und es wurden 4 Minuten Nachspielzeit angezeigt. Fünf Sekunden noch …….. Jan Wolter steht goldrichtig und trifft zum 3:2. Wahnsinn – und neue (oder lang vermisste) Qualität.
Der 3. Spieltag zeigte dann, dass nicht immer Jubel angesagt ist und die neue, recht junge Mannschaft auch Schwankungen unterworfen ist. Nach akzeptabler 1. Halbzeit gab es beim FSV Bernau leider wieder einen der berühmten Doppelschläge nach der Pause (58. und 60.) und am Ende stand eine 0:3 Niederlage. Rein tabellarisch war noch alles im Soll (Platz 10), aber viel Luft zum Verschnaufen war das auch nicht, zumal die Aufgaben anspruchsvoller wurden.
Als nächstes erschien mit der Oranienburger Eintracht eines der spielstärksten Teams der vergangenen Jahre am Wüstemarker Weg, also eine echte Nagelprobe für unsere Abwehr. Diese wurde dann auch so angenommen. Eine sehr konzentrierte und willensstarke Leistung trotzte den Gästen über weite Strecken ein ebenbürtiges Spiel ab, in dem es mit 0:0 in die Pause ging. Im 2. Abschnitt merkte man dem Favoriten durchaus an, dass Eintracht sich Respekt verschafft hatte. Es war weiterhin ein sehr intensives Spiel, das auf des Messers Schneide stand. Jeder Fehler konnte bestraft werden. Sechs Minuten nach der Pause – Tor (!), aber nicht, wie sonst üblich, für den Gegner. Etoo Kofi hatte die Führung für Miersdorf/Zeuthen erzielt. Auch wenn in der 69. Minute noch der Ausgleich hingenommen werden musste, war diese Begegnung mit diesem erkämpften und erspielten Resultat äußerst wichtig. Wir konnten mit den „Großen“ mithalten und waren sozusagen in der Liga angekommen.
Auswärtsspiel Petershagen. Ja, auch hier waren Erinnerungen wach. Der letzte Spieltag vor dem Abbruch der letzten Saison stand mit 0:9 an eben jener Stelle zu Buche. Es sollte wieder ein besonderes Spiel werden. Natürlich war die Ausgangslage eine andere. Petershagen war äußerst schlecht gestartet und hatte noch keinen einzigen Punkt auf dem Konto. Natürlich glaubte niemand bei der Eintracht, in dieser Partie leichtes Spiel zu haben, aber Hoffnungen auf Punktezuwachs waren nicht unrealistisch. Doch es kam mal wieder ganz anders. Torhüter Florian Peka verletzte sich frühzeitig und musste noch in der 1. Halbzeit ersetzt werden. Florian Hartwig vertrat ihn gut, doch die richtige Power kam einfach nicht ins Spiel. Dazu kam mal wieder der schon bekannte Doppelschlag (dieses Mal 47. und 50. Minute) und das Spiel war im Prinzip entschieden. Ein wirkliches Aufbäumen kam nicht mehr zustande und so hieß es am Ende 0:3. Würde der Torhüterausfall langfristige Wirkung zeigen? Das konnten nur die nächsten Wochen beweisen.
Der nächste Gegner am Wüstemarker Weg hieß Union Klosterfelde, in der Tabelle einen Platz vor uns, also im Abstiegskampf musste da eigentlich gepunktet werden. Aber das galt für beide Teams. Dementsprechend verlief auch der erste Durchgang. Man schenkte sich nichts und es war zu spüren, dass beide Mannschaften den Sieg wollten. Jan Wolter gelang in der 36. Minute die Führung, jedoch gelang es nicht, diese auch mit in die Pause zu nehmen. Also weiter kämpfen. Die 15 Minuten nach der Pause rückten wieder in den Fokus. Dieses Mal waren es keine Gegentreffer, aber Torwart Florian Hartwig konnte nach einer Rettungsaktion nicht mehr weitermachen. Es folgte eine lange Schrecksekunde. Nach der Verletzung von Florian Peka in der letzten Woche war kein Keeper mehr auf der Bank. Letztendlich „opferte“ sich Abwehrspieler Matthias Bagola und streifte sich die Handschuhe über. Aber konnte das gut gehen? Eintracht zeigte eine bemerkenswerte Reaktion und trat die Flucht nach vorn an, frei nach dem Motto: Solange wir nach vorn spielen, kann der Gegner kein Tor schießen. Es funktionierte tatsächlich. In der 73. Minute traf Nils Reichardt zum 2:1. Aber natürlich kann man nicht alles verhindern – nur sechs Minuten später hieß es 2:2. Aber wieso war das Spiel in Petershagen eine Woche zuvor trotz der Niederlage etwas Besonderes? Ganz einfach: Es warf unsere Jungs nicht mehr um. Auch hier wurde nicht aufgegeben und auf Sieg gespielt. War da was mit der 94. Minute? Ja, da hatte Jan Wolter im Heimspiel gegen Falkensee vor vier Wochen in der Schlusssekunde das 3:2 erzielt. Was dieses Mal anders war? Auch ganz einfach: Der Torschütze zum 3:2 in der Schlusssekunde hieß an diesem Tag Lukas Müller.
Konnten diese Leistungen auch auswärts endlich bestätigt werden und Punkte bringen? Erneut stand die Reise nach Altlüdersdorf an. Zähler waren bei der Heimreise nicht im Koffer, aber es wurde der nächste kleine Schritt gemacht. Es wurde zwar verloren, doch „nur“ mit 1:2. Im Frühjahr hieß es an gleicher Stelle noch 2:6. Zumindest ein Punkt war ergebnistechnisch in Reichweite gewesen. Jan Wolter hatte kurz nach der Halbzeitpause das zwischenzeitliche 1:1 erzielt, letztendlich ging der Sieg der Gastgeber aber in Ordnung. Der Blick auf den Tabellenstand ergab Rang 11 – Altlüdersdorf hatte uns an diesem Spieltag von Platz 10 verdrängt. Von unseren bisherigen 7 Gegnern lagen 5 hinter uns. Dies bedeutete nichts anderes als dass wir es in den kommenden Wochen zunehmend mit Gegnern aus der oberen Tabellenhälfte zu tun bekommen würden. Der nächste Kontrahent war der Spitzenreiter höchstpersönlich. In dieser Phase sicherlich keine Wunschkonstellation, denn Verletzungssorgen und Sperren (u.a Gelb-Rot in der Nachspielzeit in Altlüdersdorf) sorgten dafür, dass eine Reihe von Stammspielern ausfiel. Eine Niederlage würde uns sicherlich fest in die untere Hälfte der Tabelle drücken … und dann käme wieder ein Auswärtsspiel. Was war möglich ?
Der Gegner kam mit breiter Brust und dem treffsichersten Angriff der Liga an den Wüstemarker Weg. Was hatte Eintracht dagegen zu halten? Im Tor hatte verletzungsbedingt mit Sebastian Vogel bereits der dritte Keeper in dieser Saison Position bezogen und in der Abwehr vertraute das Trainerduo Schröder/Klatt auf eine Mischung der bewährten Kräfte Bagola und Kresovic, an deren Seite sollten die bisher sehr stark spielenden Nachwuchsleute Hammer und Brüggenkamp den Laden dicht halten. Marco Alisch war das bewährte Bindeglied zwischen den Mannschaftsteilen, wo Jan Wolter, Lukas Müller und Nils Reichardt im Mittelfeld mit für die Balance sorgen sollten. Wann immer es möglich war sollten Thede Rosenboldt und Timo Westphal offensiv für Unruhe beim Gegner sorgen. Den Versuch war es zumindest wert, aber ob das ausreichte, um zu Hause weiter ungeschlagen zu bleiben? Einen Punkt hätte wohl vor diesem Spieltag jeder unterschrieben. Die Frankfurter, mit dem Selbstverständnis angereist, die 3 Punkte vom Wüstemarker Weg mitzunehmen, sahen sich vom Anpfiff an entschlossenen Gastgebern gegenüber, die mit frühem Anlaufen das Spiel des Favoriten unterbanden. So neutralisierten sich das Geschehen auf dem Rasen über weite Strecken, doch Mitte der 1. Halbzeit wurde es zunehmend spannender. Es gab Chancen auf beiden Seiten und es gelang der Eintracht durchaus, Respekt beim Tabellenführer zu erzeugen. Die Gäste hatten im 2. Abschnitt etwas mehr vom Spiel, aber unsere Jungs kamen dank einer starken Leistung in Sachen Konzentration, Einsatz, Disziplin und Willen selten in ernste Bedrängnis. Es war eher ein gegenseitiges Lauern, wer sich zu einem Fehler verleiten ließe. Dieser passierte dann Frankfurts Torhüter Lähne. Als er in der 83. Minute bei einem Einwurf der Eintracht von halblinks dem Ball entgegen eilte, um diesen aus der Luft zu fischen, bemerkte er auf halbem Weg, wie sehr er sich dabei verschätzt hatte. Staunend konnte er nur zuschauen, wie hoch und weit der Ball über ihn hinwegsegelte und Jan Wolter völlig frei zum 1:0 vollenden konnte. Auch die Abwehr hatte wohl nicht damit gerechnet, dass der Einwurf von Nils Reichardt noch am langen Pfosten vorbei fliegen würde. Nun warfen die Oderstädter alles nach vorn, aber das geschah eher in Panik und eröffnete Konterchancen für unser Team, das am Ende dem 2:0 näher war als der Tabellenführer dem Ausgleich. Erstmalig hatten die Frankfurter in dieser Saison keinen Treffer erzielt. Sensationell was Eintracht defensiv in dieser Besetzung zuwege brachte und damit am Wüstemarker Weg immer noch ungeschlagen war. Tabellarisch wurde das mit Platz 8 belohnt. Das fühlte sich gar nicht so schlecht an und sollte weiteres Selbstvertrauen geben.
Jedes Spiel hat seine kleine Geschichte. Dieses Auswärtsspiel in Lübben hat eine größere. Es fängt damit an, dass mit Peer Gülzow und Johannes Neubauer zwei ehemalige Eintracht-Akteure für die Grün-Weißen auflaufen, Peer Gülzow mittlerweile gar als Kapitän. Eintracht war auswärts noch immer ohne Sieg, die Hausherren leichter Favorit. Eintracht hatte jedoch den besseren Auftakt in diesem Spiel und setzte die Gastgeber frühzeitig unter Druck. Der Sieg gegen Frankfurt war noch in den breiten Brüsten. Müller, Wolter und Alisch hatten Gelegenheiten, auf der Gegenseite musste Vogel bei einem Distanzschuss von Neubauer auf der Hut sein. Der erste Knall – und was für einer – kam von Matthias Bagola, der in der 28. Minute einen Ball volley abnahm und aus knapp 30 Metern (Marke Tor des Monats) ins Lübbener Gehäuse drosch. Eine Auswärtsführung – so etwas gab es in dieser Saison noch nicht. Das letzte Mal, dass Eintracht auswärts in Führung ging, war am 14.12.2019 (!) in Neuruppin, also vor fast einem Jahr. Mit diesem Kracher zum 0:1 hatte Bagola aber auch den Pfropfen aus der Curryflasche geschossen. Es wurde ein denkwürdiges Dahmeland-Derby und die Intensität nahm noch zu. Es ging hoch und runter, die Zahl und Intensität der Zweikämpfe lag deutlich über dem Schnitt. Eintracht nahm die Führung schließlich mit in die Pause.
Der 2. Abschnitt begann mit der schon üblichen Zitterphase für die Eintracht. Eintracht wankte kurz, fiel aber dieses Mal nicht. Mit der Führung im Rücken wurden Kräfte mobilisiert, deren Vorhandensein einem vorher gar nicht bewusst war. Die Gemütslage des Lübbener Coaches Vragel da Silva dagegen ließ sich daran ablesen, dass er nach dem Pausentee gleich 4 neue Kräfte auf den Rasen schickte. Als Miersdorfs Torhüter Sebastian Vogel bei einem Abwehrversuch auch einen Angreifer der Hausherren traf, entschied der Referee auf Strafstoß. Romano Lindner, der führende der Torjägerliste, trat an und scheiterte an Vogel, der damit seinen Fehler eindrucksvoll ausbügelte. Die Begegnung wurde nun besonders seitens der Gastgeber noch hektischer, auch auf den Rängen, wo die Fans verbal nicht immer die feinste Klinge schlugen. Auf dem Rasen ging es darum schon lange nicht mehr. Grün-Weiß fand aber den Spielfaden nicht und Eintracht spürte, dass hier der 1. Auswärtssieg möglich war. Einen der Konter nutzte Kapitän Jan Wolter sehenswert zum 0:2 (59.). War das vielleicht schon die Vorentscheidung? Der Gastgeber holte jetzt die Brechstange heraus. Eintracht behielt aber lange Zeit kühlen Kopf und das Messer zwischen den Zähnen. Die Schlussphase hatte es dann aber wirklich in sich. Ab der 80. Minute überschlugen sich die Ereignisse und die Achterbahn der Emotionen kannte nur noch vertikale Gleise. Als Torhüter Sebastian Vogel bei einem Angriff der Gastgeber erneut Kontakt mit einem Gegenspieler hatte, entschied der Unparteiische erneut auf Strafstoß gegen Eintracht und Gelb-Rot für den Keeper. Da Lindner, der auch sonst blass blieb, zuvor scheiterte, trat Eduard Gutar an und verwandelte gegen den eingewechselten Florian Hartwig zum 1:2 Anschlusstreffer. Auf den Rängen hielt es kaum noch jemanden auf den Sitzen. Bei Eintracht – schon in Unterzahl – ließ sich Bagola zu einer völlig überflüssigen Rangelei provozieren und sah ebenfalls Rot. Damit legte er die Partie nun vollends in die Mikrowelle. Die Gastgeber drückten nun gegen 9 Eintracht-Akteure mit Mann und Maus. Unsere Hintermannschaft kämpfte förmlich ums überleben, jede Sekunde zählte. Zwei Minuten vor Ende dann doch Jubel bei den Hausherren, der Treffer fand allerdings aufgrund einer Abseitsstellung, die die Gastgeber nicht wahrhaben wollten, keine Anerkennung. Die Blicke des Eintracht-Anhangs gingen vom Spielfeld zur Uhr, zurück zum Spielfeld, wieder zur Uhr. Dann irgendwann endlich der Pfiff und grenzenloser Jubel bei den Eintracht Akteuren, die sich für eine gigantische Abwehrschlacht belohnt hatten. Trotz zweier Strafstöße und Platzverweise gelang im Dahme-Spreewald Derby der erste Auswärtssieg.
Der anschließende Blick auf die Tabelle verzückte auf den ersten Blick – Platz 4. Niemand konnte sich an solch eine Platzierung erinnern. Der zweite Blick offenbarte dann aber auch düstere Wolken am Horizont. Exakt die Hälfte der Begegnungen war abgesetzt worden. Corona war zurück und es sollte der vorerst letzte Spieltag bleiben. Das Fußballjahr 2020 war am 31.10.2020 zu Halloween beendet.
Was war geblieben? Einem rabenschwarzen Auftakt mit allen erdenklichen Negativrekorden und vermutlicher Abstiegsrettung durch Corona folgte die bemerkenswerte Auferstehung in der neuen Saison mit seltsamen Positivrekorden. Dazu gehörte, dass Eintracht im Jahr 2020 am Wüstemarker Weg unbesiegt blieb, bei 3 Siegen und einem Remis. Mit neuem Selbstbewusstsein wurde der Spitzenreiter geschlagen und der Auswärtsfluch besiegt – und wir können Spiele in der Schlussphase für uns entscheiden – vorne und hinten … ..Der Glaube daran war zurückgekehrt.
Danke Jungs – und dem Trainerteam!
Und nun folgt wieder das Warten auf ………………. ?